Altersarmut in Europa

Die Chefin von Allianz Global Investors befürchtet zunehmende Altersarmut in Europa. Die finanzielle Repression dürfte in vielen europäischen Ländern für zunehmende Spannungen zwischen den Generationen sorgen, sagt Elizabeth Corley, Chefin von Allianz Global Investors. (Artikel aus der NZZ vom 13.10.2015)

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Elizabeth Corley, Chefin der Anlagefondsgesellschaft Allianz Global Investors, rechnet damit, dass viele Bürger in Industrieländern die finanzielle Repression in den kommenden Jahren spüren werden.

Droht angesichts der extrem niedrigen Zinsen in vielen Ländern eine Pensions-Krise? Die von den Zentralbanken künstlich tief gehaltenen Zinsen sorgen dafür, dass Vorsorgeeinrichtungen die für die Erfüllung ihrer Verpflichtungen nötigen Erträge nicht erwirtschaften – gemäss Swiss Re rentieren derzeit rund 65% aller emittierten Staatsobligationen in Europa mit weniger als 1%. Hinzu kommen die Alterung der Bevölkerung in Industrieländern und mangelnde politische Reformen, was zusätzlich massiven Druck auf die Altersvorsorgesysteme erzeugt. Elizabeth Corley, Chefin der Anlagefondsgesellschaft Allianz Global Investors, rechnet damit, dass viele Bürger in Industrieländern diese Effekte in den kommenden Jahren spüren werden.

Schleichende Entwicklung

In zahlreichen Industrieländern dürften zukünftige Rentner negativ überrascht sein von der Grösse ihrer «Pensions-Töpfe», sagt Corley im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Bürger hätten oft nicht realisiert, dass in vielen Ländern die staatliche Altersvorsorge auf ein Minimalniveau gesunken sei und dass Betriebsrenten von festgelegten Vergünstigungen (Leistungsprimat) hin zum Beitragsprimat gewechselt hätten. Hier werden die Renten auf Basis der Beiträge der Versicherten und der Zinsen kalkuliert, nicht in Prozenten des früheren Einkommens.

Für den Versicherten bedeutet dies, dass Risiken der Vermögensanlage von der Vorsorgeeinrichtung auf ihn übertragen werden. So ist er stärker davon abhängig, welche Erträge an den Kapitalmärkten erzielt werden. Aufgrund der finanziellen Repression, die sich unter anderem in den ultraniedrigen Zinsen äussert, könnte es hier böse Überraschungen geben, da Pensionsfonds in der EU oft Regulierungen unterliegen, die einen hohen Anteil an festverzinslichen Anlagen voraussetzen.

Corley rechnet weniger mit dem Kollaps ganzer Altersvorsorgesysteme als mit einer schleichenden Negativentwicklung. Diese dürfte sich einerseits in zunehmender Altersarmut äussern. Andererseits würden in vielen Ländern Europas ältere Generationen in der Summe gegenüber jüngeren bevorteilt. Somit komme es zu massiven Umverteilungen von Jung zu Alt. Längerfristig werde diese Entwicklung auch für Spannungen zwischen den Generationen sorgen. Zusätzlich führe das lahmende Wirtschaftswachstum dazu, dass jüngere Bürger in vielen Ländern geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hätten als früher. So habe die Entwicklung eine politische und soziale Dimension, die sich unter anderem auch im Aufstieg von radikalen Parteien – zum Beispiel bei den Europawahlen – äussere.

Widersprüchliches vom Fed

Zum Entscheid des Federal Reserve Board, die Leitzinsen weiterhin auf dem Nullniveau zu belassen, sagte Corley, die Interpretation der Geldpolitik der amerikanischen Notenbank werde zunehmend schwieriger. Die Folge sei auf vielen Seiten ein «Über-Analysieren» der Äusserungen von Fed-Vertretern. Viele Investoren seien angesichts widersprüchlicher Stellungnahmen unterschiedlicher Repräsentanten des Fed verwirrt. Folglich sei mit mehr kurzfristigen Reaktionen an den Märkten und mit stärkeren Schwankungen zu rechnen. Dies könne dazu führen, dass der seit mehreren Jahren andauernde Zeitraum, in der die Zentralbanken mit ihren Stellungnahmen die Märkte stabilisiert hätten, allmählich vorüber sei. Den Zentralbanken gingen allmählich die Optionen aus, mit denen sie das anhaltend schwache Wirtschaftswachstum beleben könnten.

Gewisse Hoffnungen setzt Corley in politische Initiativen wie die geplante Kapitalmarktunion der EU-Kommission, initiiert von EU-Kommissar Lord Jonathan Hill. Diese sieht beispielsweise eine Wiederbelebung des in der Finanzkrise zusammengebrochenen Markts für Verbriefungen vor und will Versicherern Investitionen in Infrastruktur-Märkte erleichtern. Die Vorschläge für die geplante Kapitalmarktunion hälfen dabei, ein Umfeld zu schaffen, das langfristiges Investieren stimuliere, sagt Corley.

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